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80 Jahre Naturschutzgebiet Mindelsee

Sonntag, 16. September 2018, 12:00

Am 16. September feiert der BUND 80 Jahre NSG Mindelsee

Hier wird auch der erste Radolfzeller Rundweg  der Tourist-Info eröffnet, der mit Hilfe unseres fleißigen  und unermüdlichen Wege-Teams vom Schwarzwaldverein Radolfzell-Markelfingen ausgewiesen und markiert wurde.

Weitere Radolfzeller Runden auf dem Bodanrück werden folgen.

Zwei-Seen-Blick mit Mindelsee und Zeller See

Und hier geht’s zur Veranstaltung:

https://www.bund-bawue.de/service/termine/detail/event/80-jahre-nsg-mindelsee-jubilaeumsfest/

 Geschichten vom Mindelsee

von unserem langjährigen Ehrenvorsitzenden Walter Fiedler:

Im Jahre 724 schenkte der Alemannenherzog, der in Überlingen und Bodman saß, dem wahrscheinlich aus Spanien vor den anstürmenden Mauren geflohenen Wanderbischof Pirmin mit Gefährten die Insel Reichenau und die Lehenshöfe des Herzogs in den Orten am Südrand des Bodanrücks von Markelfingen bis Allmansdorf als wirtschaftliche Grundlage für die Gründung eines Klosters auf der Reichenau. Es sollte das Hauskloster und die Grablege der herzoglichen Familie werden. In den Kriegen zwischen Franken und Alemannen kam aber alles ganz anders.

Der Mindelsee gehörte damals mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Klostergut und war wirtschaftlich wertvoll. Fische, Wasservögel und die begehrten Krebse ernteten die Markelfinger Klosteruntertanen.

Um 1200 wurde in der Burg der Herren von Möggingen ein Kind geboren. Der Abt der Reichenau übernahm die Patenschaft und brachte der Überlieferung nach als Patengeschenk den Mindelsee mit. Damit kam der See für 700 Jahre in die Hände der Herren von Bodman/Möggingen und damit auch die wirtschaftliche Ausbeute. Nicht mehr die Markelfinger als reichenauische Klosteruntertanen, sondern die Mögginger konnten fürderhin die Ernte einbringen. Der Zorn der Markelfinger über diesen Verlust traf mit voller Wucht den spendablen Abt.

Er muß seit diesen Tagen als böser Geist am Mindelsee umgehen.

1490 kommt es zur ersten Absenkung des Wasserspiegels. Die Bauern wollten und erreichten neue und trockenere Wiesen und der Obermüller zu wenig Fallhöhe für seine Mühle. Mit Hilfe einer Stellfallekonnte der Streit geschlichtet werden.

Der Bach, der aus dem Mindelsee kommt, floß ursprünglich als „Ache“ mitten durchs Dorf im Zuge der Oberdorf- und Unterdorfstraße.

Etwa ab 1300 entstand der heutige Mühlbach als Mühlenkanal. Der alte Dorfbach wurde durch den Wasserentzug des Mühlbaches recht klein und versiegte bei niedrigem Wasserstand zuweilen ganz. Zu recht erhielt er den Namen „der kleinste Bach“. Mit dem Ausbau der Straßen verschwand der „kleine Bach“ im Laufe der letzten 80 Jahre mehr und mehr unter Asphalt und Beeten.

Durch die Jahrhunderte hindurch sorgte der Mühlbach für lebhafteste Auseinandersetzungen im Dorf.

Die Müller stellten die Stellfalle auf vollen Wasserlauf für ihre Mühlen und die Anrainer beklagten Wasserschäden, denn der Spiegel des Mühlbaches liegt stellenweise erheblich über dem Niveau der Anlieger.

Mal staute sich das Wasser an verwachsenen und ungepflegten Stellen, mal gab es Schäden an den Ufern, alles zu Lasten der Müller. In unseren Tagen stritten und streiten Gemeinde und Naturschutz um die Höhe des Seespiegels, und die Gemeinde Möggingen mischt da kräftig mit.

1845 – 1847 wurde der Mindelsee das zweite Mal, diesmal kräftig um etwa 1 m abgesenkt. Auslöser dafür war die Vergantung der Obermühle in Markelfingen. „Gant“ ist das altdeutsche Wort für Zwangsversteigerung. Die Obermühle ist das breitgelagerte Wohnhaus am Weg zum Mindelsee. Die Gemeinden Markelfingen und Möggingen ersteigerten das Anwesen, um es ohne Wasserrecht gleich wieder zu verkaufen. Der Besitz des Wasserrechtes war die Grundlage für die Absenkung des Seespiegels.

Die Folgen der zweiten Absenkung des Mindelsees waren erheblich. Die Absenkung machte die Furt am Ausfluß am Weg nach Möggingen unpassierbar. Sie mußte durch die heutige Brücke ersetzt werden. Die Obermühle wurde stillgelegt, der Bach auf die andere Seite des Hauses verlegt. Die trocken gelegten Riedwiesen ergaben besseres Gras, und der abgesenkte Seespiegel erlaubte die Nutzung des Schilfes als Streu in den Ställen und als Abdeckung der Rebstöcke im Winter.

Hauptziel der Absenkung aber war die Torfgewinnung. Das nutzbare Torflager wurde auf 100.000 Gulden geschätzt, nach heutigem Geld etwa 20-30 Millionen DM. Die Freiherren von Bodman als Besitzer des Sees und vieler angrenzender Grundstücke hofften mit dem Torfabbau ihren hochverschuldeten Besitz sanieren zu können – vergeblich – 1857 mußten sie große Teile ihrer Herrschaft mit dem Mindelsee verkaufen. Jetzt interessierte sich für das Torfprojekt ein potenter Investor. Die Schweizer Bahnverwaitung in St. Gallen kaufte den Mindelsee samt angrenzendem Riedgelände. Sie wollte sich so die Energiequelle für ihre Lokomotiven sichern, die damals noch mit Torf beheizt wurden. Der Millionenpoker um den Mindelseetorf endete kläglich. Die Steinkohle drängte den Torf vom Markt, die Schweizerbahn mußte mit hohen Verlusten verkaufen, und der Mindelsee mit angrenzenden Grundstücken kam 1871 in die Hand des badischen Staates.

Bis in die Notjahre nach dem 2. Weltkrieg wurde jedoch von privaten Grundbesitzern Torf für den persönlichen Bedarf gestochen. Ich selbst habe noch 1961 verfallene Torfstapel im Mindelseeried gesehen, und die Kachelöfen in meiner Wohnung im Schulhaus waren für Torfheizung eingerichtet.

Um 1920 entstanden am Ostende des Sees Fischweiher. Die Überreste davon sind noch gut erkennbar. Im Gerangel zwischen Betreiber, Naturschutz, den ungeliebten Mitessern in Gestalt von Fischreihern und Dieben ging der Betrieb schließlich ein, ebenso wie die Fischweiher am Westende des Sees, von denen einer heute als Naturreservat vom Weg nach Möggingen aus noch kurz erkennbar ist. Wer aufmerksam durch das Riedgelände und die Wiesen am Ost- und Westende des Sees wandert, kann leicht zu beiden Seiten der aufgeschütteten Wege die schwarze Torferde erkennen, ein sicherer Hinweis, daß dieses Gelände verlandetes Seegebiet ist. Im Westen reicht die Torferde knapp an die Straße von Möggingen nach Radolfzell und zeigt so die alte Ausdehnung des Mindelsees an. Im Zuge der Erforschung des Sees wurden im Torf Bohrungen niedergebracht. Bis zu 11 Meter mächtig ist die Torfschicht. Bei einem Wachstum des Torfes von maximal 1 mm pro Jahr reicht die Entstehung des Sees weit in die Eiszeit zurück.

Damals floß der mächtige Rheintalgletscher um die Felsen der Hegauberge und formte das heutige Landschaftsbild. Er hinterließ tiefe Furchen, in denen sich die Voralpen-Seen bildeten, zu denen auch unser Mindelsee gehört. Die Bohrungen im Torf dienten zunächst der Erforschung der nacheiszeitlichen Pflanzenwelt und des Klimas, hatten aber ein interessantes Nebenergebnis. In etwa 10 m Tiefe fand sich eine zunächst unerklärliche Aschenschicht. Die eingeschalteten Geologen erkannten bald, daß es sich um Vulkanasche aus den Eifelvulkanen handelte, die bis vor etwa 10.000 Jahren noch aktiv waren.

In unseren Tagen bestimmen zwei Entwicklungen das Land um den Mindelsee. Mit dem Ende der Torfnutzung und dem Ende der Schilfmahd setzt eine massive Verbuschung des Riedgeländes ein, welche eindrucksvoll den Weg nach Möggingen säumt. Diese Verbuschung mit Faulbaum und Kreuzdorn ist aber nur ein Übergang. Das Wurzelwerk der Sträucher verfestigt den Untergrund und bereitet so den Boden für eine zukünftige Bewaldung des Gebietes und den langsamen Übergang von Riedgelände zu Augelände. Dagegen bleibt durch intensive Schilfmahd am Ostende des Sees der Charakter des Riedgebietes erhalten. Die zweite Veränderung der Landschaft ist am Südufer im Gange. Das Gelände zwischen Weg und See wurde als Bannwald dem freien Spiel und Wirken der Naturkräfte überlassen. Ohne jeden menschlichen Eingriff entwickelt sich so ein urwaldähnlicher Zustand, der nicht jedem Wanderer gefällt. Dabei ist das Astwerk der vom Sturm in den See gestürzten Baumriesen eine sichere Kinderstube für Jungfische, die sich im Astwerk tummeln, sicher vor den großen Raubfischen. Wer heute um den Mindelsee wandert und die Ruhe und Ausgeglichenheit der Landschaft erlebt, kann leicht die Vorstellung bekommen: Hier hat sich in Jahrhunderten nichts verändert.

Daß dem nicht so ist, daß die Kräfte der Natur und die menschlichen Eingriffe die Landschaft nicht nur um den Mindelsee, sondern allerorten dauernd verändern, wollten diese Zeilen aufzeigen.

 

 

 

Details

Datum:
Sonntag, 16. September 2018
Zeit:
12:00
Veranstaltungskategorie:
Website:
https://www.bund-bawue.de/service/termine/detail/event/80-jahre-nsg-mindelsee-jubilaeumsfest/

Veranstaltungsort

Radolfzell-Möggingen

Veranstalter

BUND
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